ANTIOCHIA (ANTAKYA) / TÜRKEI, STADTMAUER

Bestandsdokumentation und Bauforschung am Eisernen Tor

Allgemein

Der Chronist Libanius schreibt 358/59: „Antiochia übertrifft Rom, wenn nicht an Größe, so an Schönheit und Bildung“ 1. Nachdem man den Verteidigungsgürtel der Stadt in der Spätantike etwas enger zog, erreichte die sich im Osten über Gebirgskämme hinwegziehende Wehrmauer in der Parmeniusschlucht eine Höhe von über 30 Metern, und wird hier das Eiserne Tor genannt (Abb. 1). Über mehrere Jahrhunderte entwickelte es sich zu einem Multifunktionsbauwerk, welches als Aqu.duktbrücke, Stadttor und Talsperre diente. Die außerordentliche Bedeutung des Bauwerks für die heutige Zeit begründet sich darin, dass es der einzige konkrete Beleg dafür ist, dass bereits die Römer Bogenstaumauern bauten 2 (Abb. 3). Die Perfektionierung dieses Konstruktionstyps gelang erst im 20. Jh., wodurch er zur Standardlösung für besonders hohe Stauanlagen wurde. Aufgrund dieser Einzigartigkeit, des beeindruckenden Erhaltungszustands, der Gefährdung durch Naturkatastrophen und Vernachlässigung sowie der Tatsache, dass es die ihm gewidmete Staufunktion seit rund 1500 Jahren erfüllt, ist das Eiserne Tor ein Kandidat für die Welterbeliste der UNESCO. Diese Arbeit ist der vorläufige Abschluss umfangreicher Aufmaßarbeiten und bauforscherischer Untersuchungen am Eisernen Tor, die im Jahre 2004 unter Leitung von Herrn Prof. Dr. Brands (Universität Halle- Wittenberg) begonnen wurden und seither jährlich stattfanden. Sie umfasst eine erstmalig durchgeführte, genaue Beschreibung und Bauphasenscheidung auf Grundlage bauhistorischer Untersuchungen am Bauwerk. Bisher galt: „Not many remains are left of the `iron gate dam´ to the east of Antakya“ 3. Diese Aussage ist unzutreffend.

Ergebnisse der Bauforschung (Abb. 2)

Neben dem fragmentarisch erhaltenen Felskanal eines Aquädukts, stadtauswärts ca. 200m vom untersuchten Bauwerk entfernt gelegen, welcher höchstwahrscheinlich in Verbindung mit einem per Inschrift 4 datierten Felstunnel über der Petrus-Kirche zu sehen und daher in der Mitte des 3. Jh. v. Chr. entstanden ist, lassen sich für das Eiserne Tor selbst, drei wesentliche Bauphasen nachweisen. Der noch heute in der stadtseitigen Fassade ablesbare Kalksteinbogen bezeichnet Bauphase I. Er war Bestandteil einer Brücke des zweiten Daphne-Aquädukts 5, welches nach anerkanntem Forschungsstand Anfang des 2. Jh. unter Trajan begonnen und später vermutlich durch Hadrian vollendet oder repariert wurde 6. Für Bauphase II lässt sich ein Stadtmauerverlauf in diesem Bereich der Parmeniusschlucht erstmals nachweisen. Er wurde in einem ersten Bauabschnitt neben der Wasserleitung errichtet. Sinterungen auf diesen Bauteilen sind ein weiterer Beleg, dass man das Aquädukt noch lange Zeit weiternutzte 7. In einem zweiten Bauabschnitt mit gleichen materialspezifischen und konstruktiven Merkmalen wurde dieser Mauer feldseitig eine Stauanlage vorgesetzt. Einer möglichen Datierung aufgrund des stilistischen Vergleichs mit der südlichen, theodosianischen Stadtmauer 8, steht die Beschreibung des Chronisten Prokop gegenüber der die bergseitige Verkleinerung der Stadt und den Bau der Stauanlage als das Werk Justinians beszeichnet 9. Somit ergibt sich ein möglicher Datierungsrahmen von 408 bis 553/56010, wobei der terminus ante quem durch die Datierung von Prokops Bauten geliefert wird. Das östliche Tor ist wohl ebenfalls in dieser Zeit entstanden, auch wenn die Bautechnik eine andere ist 11. Die groß angelegte Reparatur im oberen Bereich des Bauwerks, zur Wiederherstellung der Stadtmauer nach einem schweren Zerstörungsereignis erfolgte in Bauphase III. Entgegen bisheriger Vermutungen 12 ist sie keinesfalls eine antike Baumaßnahme, da hierfür Spolien verwendet wurden, die zumindest teilweise von einem Bauwerk stammen, welches selbst nicht als antik zu bezeichnen, sondern erst in der Zeit nach der arabischen Eroberung der Stadt entstanden ist. Dieser terminus post quem von 639 wird durch eine muslimische Inschrift in Kufi belegt 13.

Ausblick

Einige Schadensbilder weisen darauf hin, dass die Existenz des Eisernen Tores bis in die heutige Zeit ausschließlich der lediglich periodisch auftretenden, kurzen Stauseebildung zu verdanken ist 14. So ist eine Unterströmung des Bauwerks zu befürchten, die nur deswegen noch keinen Einsturz verursachte, weil es sich während der Trockenzeiten wieder konsolidieren konnte. Untersuchungen hinsichtlich der Standsicherheit sind schnellstens in Angriff zu nehmen. Ein Erhalt wird nicht zuletzt davon abhängen, inwieweit sich ein Wertegefühl gegenüber dem kulturellen Erbe in der Bevölkerung formen lässt.


1 Libanius – Der letzte Grieche, or. XI 270, in Downey, Watter Supply, S. 172

2 Die bisher älteste, erhaltene und baugleiche Bogenstaumauer „Bend-e-Kebar“ in der Nähe von Teheran/Iran entstand im 11.-13. Jh. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass die Bogenstaumauer von Antiochia das Vorbild für diese Talsperre war.

3 Schnitter, A History of Dams, Rotterdam/Brookfield, 1994, S.79

4 „COSSVTIVS“ Inschrift – Dat. nach Campbell, AJA Vol. XLII 1938, S.206

5 Die Quellen des ca. 6 km entfernten „Plateau de Daphne“ wurden seit dem 1.Jh. zur Wasserversorgung Antiochias herangezogen

6 „Aquädukt des Trajan“ – Wilber, Antioch on the Orontes II, The Exc… 1933

7 Nach Johannes Phocas nutzte man eines der beiden Daphne- Aquädukte gar bis ins Mittelalter hinein (bei Wilber, vgl. 6), ob über die gesamte Länge (also auch am Eisernen Tor) ist noch zu untersuchen

8 nach Malalas, bei Downey, A History of Antioch in Syria, S.452 Der Mauerabschnitt wurde im 19.Jh. abgerissen. Einziges Zeugnis ist ein Kupferstich von Cassas (1799), in Voyage pittoresque de la Syrie, de la Palestina et de la Basse-Egypt

9 Prokop, Bauten; in der Übersetzung von Otto Veh, S. 131

10 Früh- bzw. Spätdatierung von Prokops Bauten, nach Cameron, Procopius and the 6th Century, S. 84-86

11 Für das großformatige opus quadratum des Durchganges und das typische opus mixtum dieser Bauphase wurde der nach optischer Beurteilung gleiche Mörtel verwendet. Die Ausformung der Anlage ist heute lediglich durch historische Abbildungen zu belegen

12 French and Lightfoot, The Eastern Frontier of the Roman Empire, BAR 553

13 Für deren Entzifferung danken wir Ibrahim Salman. Eine engere Eingrenzung ist von weitergehenden Untersuchungen dieser Bauphase, sowie von C-14 Analysen zu erwarten, deren Ergebnis zum Zeitpunkt dieser Arbeit noch nicht vorlag

14 Nur nach starken Regenfällen ist der Parmenius ein reißender Wildbach



Andreea Banea, Dipl.- Rest. Björn Grimm, Dipl.- Ing. (FH) MSD 2005-2007
TECHNISCHE UNIVERSITÄT BERLIN, FAKULTÄT VI, INSTITUT FÜR ARCHITEKTUR
UNIV.-PROF. DR.-ING. DOROTHÉE SACK, FACHGEBIET HISTORISCHE BAUFORSCHUNG,
MASTERSTUDIUM DENKMALPFLEGE,
STRASSE DES 17. JUNI 152, SEKR. A 58, 10623 BERLIN, TEL. 030-314-796 11, MAIL: msd@tu-berlin.de

Unterschiedliche Intensität der Farbtöne zur plastischeren Gestaltung Ansicht von Stadtseite (Blick nach Süden)

Bild 2 von 8

Abb. 2: Eisernes Tor, Bauphasenplan; Bauphase I: Aquäduktbrücke des zweiten Aquädukts Daphne- Antiochia; Bauphase II: Stadt- und Staumauer in zwei Bauabschnitten; Bauphase III: Reparatur des oberen Bereichs nach dessen Zerstörung; Neuzeitlich: Verkleinerung des Grunddurchlasses