STRAUSBERG, BÜRGERHAUS GEORG-KURTZE-STR. 1

Ergebnisse der Bauforschung I

Ein Großteil der Bebauung in der Georg-Kurtze-Straße ist vermutlich sehr zeitnah und auf gleicher typologischer Grundlage erbaut und später verändert worden. Die Entstehung und bauliche Überformung des Bürgerhauses Nr.1 ist eng mit der Familie Gericke verknüpft, die dieses Haus über mehrere Jahrhunderte hinweg bewohnte und sich in dieser Zeit von einer Handwerker- zur Händlerfamilie entwickelte. Diese Entwicklung bedingt eine außergewöhnliche Komplexität hinsichtlich der Hausgeschichte, welche die Besonderheit und damit auch den Denkmalwert des Hauses begründet.

Vorgängerbauten

Das Grundstück liegt innerhalb des mittelalterlichen, von einer Stadtmauer umgebenen Siedlungsgebietes von Strausberg. Hinweise auf eine frühere Bebauung des Grundstückes konnten beider Untersuchung nicht gefunden werden. In einer Stadtchronik wird das Gelände als Garten ausgewiesen.

Bauphase I – Fachwerkhaus, 1703/04(d)

1703/042 ließ die Weberfamilie Gericke3 ein zweigeschossiges, traufständiges Wohn- und Arbeitshaus errichten. Die Typologie des 2-Stuben-Hauses, die von einem Flur aus beidseitig je eine Stube für Wohnen und Arbeiten sowie eine Kammer zum Schlafen ermöglicht, ist dabei insofern variiert worden, als man im Obergeschoss diese Grundrisssituation wiederholte. Die große Erschließungszone, welche sich ungefähr in der Mitte des Hauses befand, bot neben der Treppe auch Raum für einen zentralen, offenen Rauchfang mit mindestens einer darunterliegenden Kochstelle. Konstruktiv handelte es sich um ein Fachwerkhaus,  das größtenteils aus gebeiltem Kiefernholz bestand. Wände und Decken waren mit Lehmwickelstaken ausgefacht. Die Überdachung ermöglichte ein doppelt stehender Stuhl mit längs- jedoch ohne querversteifende Kopfbänder. Neben dem auf der Nordseite angelegten Keller sind von diesem Ursprungsbau der Dachstuhl fast vollständig und einzelne Innenwandfragmente in Erd- und Obergeschoss erhalten. [Abb.2]

Bauphase II – Umbau zwischen 1704 und 1860

Diese dendrochronologisch nicht zu erfassende Bauphase konnte anhand von Fassungsuntersuchungen und der stilistischen Einordnung von Innentüren belegt werden. Durch letztere lassen sich diese Umbauten in die Jahre um 1800 einordnen. Der Abriss des offenen Rauchfangs und der Einbau zweier Schornsteinzüge beiderseits des Flurs sind für die Zeit typische, die Wohnqualität verbessernde Maßnahmen. Dabei wurden die inneren Fachwerkquerwände größtenteils durch Lehmziegelwände ersetzt. Vermutlich ebenfalls in diese Phase gehört ein aus Lehmziegeln gemauertes Fragment im hinteren Flurbereich des Erdgeschosses. Ob dieses Fragment Teil einer Außenwand oder eines massiv ummauerten Raumes war, konnte nicht geklärt werden. Außerdem erhielt der westliche Hausteil durch Einengung der Erschließungszone im hinteren Bereich mehr Raum.

Bauphase III – Erweiterung nach Süden, 1860(d)

Offensichtlich führte ein erhöhter Raumbedarf zur Erweiterung der rückw.rtigen Kammern im Süden.Dabei verwendete man Lehmziegel, die nach optischer Beurteilung in Format und Struktur denender vorangegangenen Bauphase entsprechen. Ein gleichzeitiger Einbau scheidet jedoch aufgrund der Fassungsbefunde und Ausbildung der Wandanschlüsse aus. Anstelle der südlichen Aussenwand sind bei dieser Maßnahme Unterzüge in Erd- und Obergeschoss eingebaut worden, die seither die Deckenbalken von Kern- und Erweiterungsbau tragen und zur dendrochronologischen Datierung herangezogen wurden. Unter dem Erweiterungsbau vergrößerte man den Keller um einen zweitenRaum. Als oberer Abschluss der Hauserweiterung diente ein von Pfetten unterstütztes Pultdach, welches an den vorhandenen Dachstuhl über dem Kernbau angefügt wurde und in dieser Form bis heute vorhanden ist. [Abb.1 – Ergebnisse der Bauforschung II zeigt den zeitgenössischen Lageplan]. Die so entstandene Raumstruktur in Kern- und Erweiterungsbau hat sich bis heute erhalten, wobei im Rahmen späterer Hauserweiterungen auch Umbauten in diesen Bereichen erfolgten.


Quellen

1 W. Sternbeck, Beiträge zur Geschichte der Stadt Strausberg, 2. Teil, Manuskript, 1893, BLHA, Rep. 8 Strausberg, Nr. 737.

2 Dendrochronologisches Gutachten, Dr. B. Heußens (Petershagen – 20.05.06).

3 Die Familie war seit 1653 in Besitz der Parzelle; s. W. Sternbeck 1893, S. 170.



Dipl.-Rest. Andreea Banea, Mgr. Eliska Fechnerova, Dipl.-Ing. Björn Grimm, MSD 2005-07 
TECHNISCHE UNIVERSITÄT BERLIN, FAKULTÄT VI, INSTITUT FÜR ARCHITEKTUR UNIV.-PROF. DR.-ING. DOROTHÉE SACK, FACHGEBIET HISTORISCHE BAUFORSCHUNG, MASTERSTUDIUM DENKMALPFLEGE, STRASSE DES 17. JUNI 152, SEKR. A 58, 10623 BERLIN, TEL. 030-314-796 11, MAIL: msd@tu-berlin.de